Ohne Flieger von Südamerika nach Europa

„Wenn ich in Südamerika bin, wie komme ich wieder zurück?“
Diese Frage stellte ich mir und dabei war klar: „Ich will nicht fliegen!“ Wie sollte es also sonst gehen?

…nach 7 faszinierenden Monaten in Südamerika rief mich die Heimat wieder. Und so überlegte ich, wie ich wohl über den Atlantik kommen könnte:

Erste Option: Frachtschiff
Klaro, ich könnte auf einem großen Frachter mitfahren. Ich hatte Bilder im Kopf wie ich stundenlang das Deck eines 200m langen Container-Schiffs schrubbte, das weite Blau genoss und dabei flotten Schrittes nach Europa düste…
Doch nach kurzer Recherche klang das nach einem deutlich teurerem Weg als zu fliegen! Auf Container-Schiffen mitzufahren, ist zu einem Tourismuszweig geworden. Eine Überfahrt kostet gerne mal  1000 Taler. Und gegen Mitarbeit war nix zu finden.

Zweite Option: Kreuzfahrtschiff

Mir ist schon klar, dass diese mit Schweröl betrieben Stahlriesen (inkl. Containerschiffe) ein Verbrechen an der Umwelt sind. Und dennoch fahren sie. Wäre hier sowas wie trampen möglich?
Da ich rund um den April in der Karibik war, flogen mir hier einige hübsche Angebote entgegen.
Die meisten Kreuzfahrtschiffe fahren nun nämlich leer bzw mit Renovierungsarbeiten zurück nach Europa, denn die Saison ist jetzt vorbei. Da darf Mensch dann für gut 1/3 des üblichen Preises mitreisen.
Die Vorstellung war irgendwie langweilig. Auf einem Kreuzfahrtschiff zurück nach Hause? Fühlt sich auch nicht nach Trampen an.

Letzte Option:
Mhh, und wie sieht es mit Segelbooten aus? Ich hatte gehört, dass die noch vor den Hurrikans, also Ende April/ Anfang Mai in größeren Scharen nach Europa fahren, um sicher zu sein vor den starken Winden.
Ich könnte also in den Hafen gehen und es dort versuchen, wie mein Bruder es auch auf dem Hinweg machte:  Einfach Kapitän*innen ansprechen.

Mein Weg:
Ich entschied mich für die Segelbootoption. Zumindest wollte ich es versuchen. Und ich war voller Vertrauen, dass es funktionieren würde.
Noch in Brasilien hörte ich von dem Forum „Hand gegen Koje“, in dem sich Bootsleitende und Suchende finden können. Nicht immer ist der Name Programm und es geht wirklich um Mitfahrt gegen Mithilfe, sondern um Mitfahrt gegen Geld.
Ich wollte aber meine radikal geldfreie Zeit weiterführen und sehen was möglich wäre.
So setzte ich ein Inserat auf die Seite, in dem ich mein Anliegen und meine Ideen der Unterstützung beschrieb.
Und siehe da – 3 Tage später bekam ich die Einladung zur Caledonia.  Geiiiil! Es geht doch! 🙂

Bevor ich auf dieses Boot hüpfte reiste ich noch 4 Wochen alleine und radikal geldfrei durch Martinique.
(Für den Sprung von Brasilien in die Karibik half mir aus Zeitgründen ein Flieger.)
Dabei entdeckte ich mich selbst und den Zugang zu Menschen ganz neu. Es war unfassbar intensiv, denn jede Entscheidung war zu 100% von mir abhängig.

Auch die Zeit auf der Caledonia, einer 50 Tonnen schweren und 19m langen  Segelyacht wurde höchst spannend!
Meine Vorstellung, wir würden Essen einkaufen und dann einfach lossegeln traf absolut nicht zu!
Es gab viiiiel zu reparieren und so einige Abenteuer. So musste beispielsweise die ganze Hydraulik erneuert werden, was bedeutete, dass wir auf dem Weg zu einer besser geeigneten Insel (St.Maarten) mit der Notpinne und ohne Großsegel unterwegs waren. Nachts ankerten wir das kleine Monstrum nahe einer Insel.  Es war eine sehr sehr lehrreiche Zeit, denn ich erfuhr viel über Elektronik, Hydraulik und wie so ein Schiff überhaupt gebaut  und zu manövrieren war. Schließlich arbeitete ich 10 Tage intensiv, auch im Maschienenraum mit.  Jörn wurde ganz nebenbei zu meinem Lehrer und Freund.

Mit Kapitän Jörn lernte ich nicht nur eine Menge, sondern hatte auch einen Haufen Spaß



Zuhause wartete ein FÖJ-Seminar, das ich mitteamen wollte. Doch die letzten entscheidenden Ersatzteile würden noch 2 Wochen brauchen, bis sie geliefert werden. Mir lief die Zeit davon!
Müsste ich nun doch fliegen?
Nein, das will ich nicht!
Davon war ich überzeugt und hielt darum in Absprache mit meinem Käptn Jörn Ausschau nach einem anderen Boot.
So langsam glaube ich an Wunschkraft. Denn nur einen Tag später fand ich im Hafen 2 Franzosen, die dringend einen Mitsegler suchten.  Schon am Tag drauf bließ uns der Wind in Richtung Europa. Großartig! Dieser Traum, den Atlantik mit dem Segelboot zu überqueren sollte also Realität werden!

Auf nach Europa!
Gerade mal zu dritt, der Kapitän, die Skipperin und ich, Benni, verluden wir einen Haufen Essen, zogen die Segel hoch und schossen mit dem Trimaran nach Nord-Osten. Ziel:  Portugal/ Azoren*
Die folgenden Tage waren geprägt vom 3-Stunden Rhythmus.
Das bedeutete 3 Stunden  100% Kontrolle über das Boot. 2 mal 3 Stunden Pause, Kochen, Lesen, Sternbilder suchen, Staunen  und Schlafen.
Also Check:
 – fahren wir in die passende Richtung? Auto-Pilot oder selber steuern?
–  Wetterlage? Wolken, Windstärke, Wellen?!
– Ausschau halten! Sind da Hindernisse wie 300m-Frachter, Container oder Plastikkisten?
– und Nachts ganz wichtig: Wach bleiben! Du hast die Verantwortung.

Jeden Tag sah das Meer anders aus. Auch wenn ich nie Land entdecken konnte. Zauberhaft!
Ich lernte die 3 Stunden zwischen 0 und 3Uhr morgens gut durchzuhalten.

Und ich lernte die Sonnenauf- und untergänge in den entsprechenden Schichten zu lieben. Jede Zeit hatte ihren ganz besonderen Reiz.
Nur die 3 Tage mit 3 Meter Wellen, die uns nicht schlafen ließen, deren Besonderheit, die mich anfangs noch begeisterte, wich nach dem ersten Tag. Zu müde wurden wir  und zu anstrengend war das Gehen unter und auf Deck. (Und das Kochen erst! 😀 )
Ich lernte auch, mich mit mir selbst auseinander zu setzen.  Ruhe und Warten auszuhalten. Schließlich war ich hier auf einer kleinen Schwimmenden Insel eingesperrt und konnte nicht einfach weggehen. Da waren mehrere  tausend Kilometer dunkles Blau und gerade einmal 2 Menschen um mich herum.
Am 14ten Tag und nach gut 4000km über den Atlantik, war Land in Sicht! Verspielte Delfine , die ums Schiff herumsprangen, versüßten die letzten Kilometer und versetzten mir Freudenrufe.

Die geglückte Überfahrt feierten wir ausgelassen mit vielen anderen segelbegeisterten Menschen in der Hafenkneipe.
Da mich nun das FÖJ-Seminar rief und es unmöglich war in 5 Tagen bis nach Frankreich zu segeln und dann heimzutrampen, nahm ich, den Umständen geschuldet, für die letzte Etappe das fliegende Vehikel.

Rasant und abenteuerlich war der Wellengang zeitweise.


 
 
Rückblick:
Wenn ich nun zurückschaue auf das Abenteuer „Atlantiküberquerung“, dann bin ich unendlich dankbar für dieses  großartige Geschenk!
Ich durfte die Naturgewalt „Ozean“ erleben und fühlen. Feststellen, wie ohnmächtig ich als kleiner Mensch in einem riesigen Ozean bin.
Und wie ich voller Vertrauen die Segel setzen darf, um meinen Traum zu leben.
Jetzt, fast 1 ½ Jahre später, weiß ich, dass diese Zeit mein Leben nachhaltig bereichert hat.



Benni

1 Kommentar zu „Ohne Flieger von Südamerika nach Europa“

  1. Norbert Nichell

    Hi Benni, ein super toller Artikel mit wunderschönen Bildern – kurzweilig und spannend! Papa. Wollte eigentlich…

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